In ihrem Podcast Sternhageldoll blicken zwei Wahlhamburgerinnen nüchtern auf ihre emsländische Jugend. Foto: Franz Schepers
Podcast Sternhageldoll über seine Heimat

Dorfjugend zwischen Safespace und großer Freiheit

„Wir kommen aus dem Emsland, dem Gallien des Säufertums,“ dieser Spruch ging auf Social Media viral. In ihrem Podcast Sternhageldoll erinnern sich die Schwestern Franzi und Chrissie an versoffene Jugendjahre und blicken jetzt ganz nüchtern auf das Emsland.

Wer so wie die beiden im Emsland groß wird, lernt früh, dass Feiern hier kein Kindergeburtstag sind. Der Sekt zum Kaffee, das Bier beim Nachbarn, ein Alster nach dem Tanzkurs, der Vollrausch zum Schützenfest: Geselligkeit und Feierkultur werden oft mit Party und Promille verbunden. Dabei geht es aber nicht darum, sich gezielt zu Besaufen, sagen die Schwestern, sondern schlichtweg um die Normalität des Brauchtums. „Das Bier gehört zum Geburtstag genauso dazu wie der Kuchen”, behauptet Franzi, „es ist einfach ein ganz natürlicher Teil der Gesellschaft.”

Ein Teil, den die beiden schon früh kennengelernt haben. „Unsere Eltern haben gern gefeiert und dann haben wir eben die Nachbarn und Freunde mal ganz anders erlebt. Es wurde echt sehr viel gelacht”, erinnert sich Chrissie.

Jugend unter dem Radar

Kein Grund also, sich als schüchterner Teenie nicht auch mal einen zu genehmigen. Mit 13 oder 14 probieren sie Omas Vanilletraum zu Silvester, lassen später eine Flasche Sekt nach der Theaterpremiere mitgehen oder trinken Roten mit dem Strohhalm aus der Flasche. Die beiden fallen nicht weiter auf. Im Emsland bewegen sich Jugendliche gekonnt unter dem Radar - und auch recht automatisch. Viele Kinder sind früh selbständig, überbrücken auch lange Strecken allein mit dem Rad, verbringen die Tage am Baggerloch, schlafen bei Freunden oder zelten tagelang irgendwo an der Ems. Die Cliquen sind gut organisiert. Wenn es zur nächsten Disco zu weit ist, wird irgendeine Garage oder ein Gartenhaus in der Nachbarschaft freigeräumt. Viele Familien kennen sich über Generationen. Man weiß, bei wem man ist - und wo man feiern kann. Der Alkohol habe sie mutig, kreativ und erwachsen gemacht, sagen Chrissie und Franzi. Ihre Jugend ist geprägt von dem Gefühl „Was kann mir schon geschehen?”

Dass eine Menge hätte geschehen können, wissen die zwei Schwestern heute. „Ich weiß noch, wie ich einmal total besoffen mit dem Rad über die Bundestraße wollte, hingefallen bin und mir ein LKW-Fahrer aufhelfen musste,” erzählt Franzi. „Manchmal wundere ich mich, dass du all das unbeschadet überlebt hast”, schiebt Chrissie hinterher.

Großstadt kann auch desillusionieren 

So war das eben damals in Haren. Heute leben die zwei in Hamburg. Franzi arbeitet als Physiotherapeutin, Chrissie ist Diplom-Pädagogin. Dass die zwei hart feiern können, fiel auch in der Elbstadt schnell auf. „Ihr geht ja ganz schön viel los”, hieß es dort. „Wir fanden das voll normal”, so die Schwestern. „Aber: Wenn du hier mal irgendwo Hausverbot bekommst, weiß das aber nicht am nächsten Tag gleich jeder”, meint Chrissie. 

Zuhause in Haren war man schnell Dorfgespräch. Dieses engmaschige soziale Netz, dieses man-kennt-sich, man-sieht sich, habe ihnen aber auch ganz viel Sicherheit gegeben. „Wenn ich jetzt bei mir aus dem Fenster schaue, die Dealer sehe, kaputte Leute, keinen interessierts und dazu hast du noch zwölf Millionen Geräusche um dich herum”, sagt Franzi, „es gibt eben auch viel desillusionierende Sachen in der Großstadt.”

Kein Wunder also, dass manche wieder zurück ins Emsland ziehen? „Wir haben neulich mit einem Musiker gesprochen, der von Hamburg wieder zurück nach Lathen gezogen ist, also nicht mal nach Meppen oder so”, erzählt Chrissie, „ihm war klar, dass er spätestens bei der Familiengründung wieder zurückgeht, weil er einfach so eine geile Kindheit da hatte. Das können wir auf jeden Fall nur bestätigen, das war goldwert.”

Tausendfach weniger Reize

Das Emsland bleibt für die zwei ein Ort der Entschleunigung. „Was jedes Mal ganz schnell passiert ist, wenn ich ins Emsland fahre: Mein Parasympathikus springt an. Ich habe ein Entspannungsgefühl,” sagt Franzi. „Ich weiß, ich kann überall hinkommen, ich bin entspannt, ich muss nicht irgendwo eine Bahn erwischen. Von der Menge der Reize, der Lautstärke, alles ist einfach ums Tausendfache weniger. Deswegen glaube ich, bist du generell ein bisschen ruhiger.” Die zwei zollen zudem der gestalterischen Kraft ihrer Heimat Respekt. „Die Kreativitätsdichte ist extrem hoch von Leuten, die geile Dinge auf die Beine stellen. Ob das jetzt die Theatergruppe ist, der Kulturverein oder die Metal-Band: Wir haben wirklich sehr viele kreative Menschen dort und eine richtig geile Gemeinschaft,” lobt Franzi.

Zuletzt waren die zwei zum Nicht ganz nüchtern-Festival in der Heimat. „Der Gesamtpromillewert war auf der Party schon recht hoch”, lacht Chrissie, „es war wirklich eine tolle Stimmung, aber ich habe mich eben gefreut, dass ich die ganze Zeit Herr meiner Sinne bleibe.” Denn seit gut einem Jahr trinken die zwei keinen Tropfen Alkohol mehr. „Die Summe der Rauschtage wurde einfach zu viel”, gibt Chrissie zu. „Was mit 15 als mutig und witzig gefeiert wurde, ist mit Ende 30 unangenehm”, erklärt ihre Schwester, „ich meine Gedächtnislücken, Kontrollverlust, Streit und peinliche Ausfälle.” In ihrem Podcast erzählen sie von ihrem neuen Weg der steten Nüchternheit. Ihr Ziel ist es nicht, den Zeigefinger zu heben, sondern zu zeigen: Das wilde Leben geht auch mit klarem Kopf.

Alle zwei Wochen erscheint montags eine neue Podcast-Folge. Im Hintergrund ist einiges in Planung und am 21. Dezember gibt es die erste eigene Live-Show in der Großen Freiheit 36 in Hamburg.